Presse
19.01.2012, 14:55 Uhr | Märkische Allgemeine / Torsten Gellner
„Wir können nicht zaubern“
UBA-Präsident Jochen Flasbarth über Flugrouten, verlorenes Vertrauen und die Grenzen des Lärmschutzes
Mit dem Lärmgutachten zum neuen Flughafen erregte das Umweltbundesamt (UBA) viel Aufsehen. Die Studie wurde auf Druck des Bundesverkehrsministeriums zunächst zurückgezogen, dann aber doch veröffentlicht. Mit dem UBA-Präsidenten Jochen Flasbarth sprach Torsten Gellner.

MAZ: Verstehen Sie die Aufregung, die Ihre Studie mancherorts ausgelöst hat?

Jochen Flasbarth: Unser Anliegen war es, dass wir bald nach Abschluss unserer Arbeiten die Öffentlichkeit informieren können. Ich bin froh, dass nach der Aufregung um das Verfahren, wie wir die Öffentlichkeit informieren, jetzt wieder über die Sache diskutiert werden kann.

 Sie empfehlen ein Nachtflugverbot. Die Flughafen-Gesellschafter – Brandenburg, Berlin und der Bund – verweisen aber auf das Bundesverwaltungsgericht, das die Betriebszeiten bestätigt hat. Hat die Politik denn tatsächlich keine Handlungsmöglichkeit?

Flasbarth: Wir können nur eine Empfehlung abgeben. Die Öffnungszeiten des Flughafens sind im Planfeststellungsbeschluss festgelegt. Wenn aber die Eigentümer des Flughafens eine andere Regelung wollen, können sie die natürlich auch herbeiführen. Sie haben aber deutlich gemacht, dass sie diese Absicht nicht haben.

Ihre Empfehlung zur hochumstrittenen Müggelseeroute hat viele verwirrt. Sie halten die Route für problematisch, lehnen sie aber auch nicht ab. Was raten Sie denn nun?

Flasbarth: Da Erkner bereits stark durch die Anflüge belastet ist, sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Route über den Müggelsee weniger Menschen betrifft und deshalb vorzuziehen ist. Die Route ist aber problematisch. Sie führt über ein wichtiges Erholungsgebiet, und die Menschen dort sind aufgrund der Routen im Planfeststellungsverfahren davon ausgegangen, dass sie nicht betroffen werden. Dieses Vertrauen muss man berücksichtigen.

Was schlagen Sie also vor?

Flasbarth: Man sollte den Flughafen mit der Müggelseeroute in Betrieb nehmen, aber sofort Alternativen prüfen. Uns leuchtet der Vorschlag des Berliner Senats ein, noch vor Müggelheim südlich abzuknicken. Die Zahl der Betroffenen wäre dadurch deutlich geringer.

Sahen Sie keine Möglichkeit, die am stärksten betroffene Gemeinde Blankenfelde-Mahlow zu entlasten?

Flasbarth: Nein, bei den Ortschaften, die in unmittelbarer Nähe des Flughafens liegen, sind die Möglichkeiten sehr gering. Das ist der Lage des Flughafens geschuldet. Deshalb gilt auch für uns: Wir können nicht zaubern.

Umstritten sind auch die Streckenfreigaben: Ab 5000 Fuß können Piloten von ihrer Route abweichen. Diese Praxis ist üblich. Stellt das nicht die ganze komplizierte Routenplanung infrage?

Flasbarth: Das ist wirklich ein großes Problem. Wenn anders geflogen wird, als die Routen das vorsehen, geht jede lärmfachliche Prüfung ins Leere. Wir haben dazu ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Es bestätigt uns in unserer Forderung, dass die einmal festgelegten Routen dann auch tatsächlich geflogen werden müssen, mit wenigen Ausnahmen. Das ist einer der Gründe, warum wir gesagt haben, dass die Routen und die tatsächlichen Flugbewegungen ein Jahr lang überprüft werden müssen.

Sie wollen also ermitteln, wie oft Freigaben erteilt werden?

Flasbarth: Wir wollen wissen, wie das tatsächliche Fluggeschehen ist. Wir wollen aber auch prüfen, ob bestimmte Spreizungen von Flugrouten vielleicht zu einer besseren Situation führen.

Schon jetzt wird über den Bau einer dritten Bahn in Schönefeld gestritten. Wäre das in dieser Lage zumutbar?

Flasbarth: Darüber möchte ich nicht spekulieren. Aber eines ist klar: Wann immer es um Ausbaumaßnahmen geht, müssen die Flugrouten mit ihren Lärmauswirkungen schon in der Planung berücksichtigt werden. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall und stellt nun ein großes Problem dar. Viele Menschen in der Region sind von anderen Routen ausgegangen und haben auf dieser Grundlage zum Teil Lebensentscheidungen getroffen. Es führt zu einem großen Vertrauensverlust, wenn nun anders geflogen wird. Es ist aber kein leicht zu lösendes Problem, weil Flugrouten bisweilen aus verschiedenen Gründen geändert werden müssen.

Nun ist das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung am Zug. Welches Gewicht hat Ihre Stellungnahme? Rechtlich bindend ist sie ja nicht.

Flasbarth: Ich höre von allen Seiten, auch von jenen, die dem Umweltbundesamt eher kritisch gegenüberstehen, dass das Gutachten eine hohe fachliche Qualität hat. Deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass unsere Argumente ein großes Gewicht haben werden.

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