ZEUTHEN - Uta Liedtke schmunzelt nur, wenn sich ihr Mann in seinem Kellerdomizil verschanzt. Weiß sie doch nach 30 Ehejahren nur zu gut, dass er hier bestens aufgehoben ist. Außerdem arbeite man in der eigenen Installateurfirma ohnehin den ganzen Tag zusammen. „Ich habe ihn schon mit seinem Eisenbahntick geheiratet“, meint sie gelassen. Und das vor zwölf Jahren noch eine zweite Leidenschaft hinzukam, bringt Ute Liedtke auch nicht mehr aus der Ruhe. „Warum auch?“, fragt Michael Liedtke ein wenig verschmitzt. Schließlich störe er hier niemanden, klicke lediglich ein wenig am Computer herum. „Für einen Sammler ist das Internet ein Segen“, meint der 53-Jährige. Ansonsten wäre es ihm schon zeitlich nie im Leben gelungen, allein 180 historische Postkarten aus Königs Wusterhausen zusammenzutragen. Die Ältesten stammen etwa von 1902/03. Aber auch aus Wildau, Zeuthen, Mittenwalde, Storkow sowie vielen anderen Orten an der Berlin-Görlitzer Eisenbahn nennt der Freak inzwischen alte Stadt- und Dorfansichten sein eigen. „Das hat sich so ergeben“, meint der Installateurmeister. Irgendwann hätten ihn nicht nur die alte Bahnlinie, sondern auch die Orte interessiert. Begonnen hat dies vor zwölf Jahren. „Seither bin ich ständig auf der Hatz nach alten Postkarten und historischen Fotos“, beschreibt Liedtke sein Sammelfieber. Letztere sind allerdings noch schwieriger zu ergattern. So wäre der Handwerksmeister unlängst vor Freude am liebsten in die Luft gesprungen, als er historische Fotografien des Königs-Wusterhausener Bahnhofs aus den Jahren 1886/87 und 1890 ersteigerte. Den Preis dafür verrät er allerdings nicht. „Psst“, legt er da verschwiegen den Finger auf den Mund. Aber Ansichten von Bahnhöfen sind für den Eisenfreak ein Muss. „Da kann ich nicht verzichten“, bekennt er. Bei allen anderen Postkarten aber setzt er sich ein Limit. Die Obergrenze liege meist bei 20 bis 25 Euro. Vieles habe er aber auch weitaus günstiger erstanden. Allein bei Ebay, wo sich Liedtke im März 2002 anmeldete, finden sich unter seiner Adresse schon 1650 Bewertungen. Es verstreicht kein Tag, an dem der Installateurmeister sein dortiges Fenster nicht öffnet. Im Laufe der Jahre erschloss sich der Sammler aber auch viele andere Quellen. Von kleinen Antiquitätenhändlern in der Region bis zu professionellen Internethändlern von historischen Postkarten.
Dabei staunt er immer wieder, dass die meisten historischen Ansichten aus Königs Wusterhausen und Umgebung von Eigentümern aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen angeboten werden. Möglicherweise wurden einst die Karten aus dem Urlaub im Dahmeland dorthin an Verwandte und Freunde verschickt. So ging 1917 die Karte mit dem schmucken Gebäude in der Bahnhofstraße 8 in Königs Wusterhausen, in dem sich heute die Dresdner Bank befindet, an eine Marta in Eiserfeld an der Sieg in Nordrhein-Westfalen. Andere Grüße wurden nach Kempten oder Isenburg verschickt.
Michael Liedtke will sich an all diesen schönen Aufnahmen aber nicht allein freuen. „Was habe ich davon, wenn sie hier bei mir säuberlich in Kisten verpackt, nur einstauben?“, fragt er. Er möchte sie einer möglichst großen Fan-Gemeinde zugänglich machen. Daher präsentiert er viele historische Postkarten im Netz auf seiner eigenen Internetseite. Wann immer es ihm möglich ist, stellt er dann sogar Alt und Neu gegenüber.
Über das World-Wide-Web trafen bei dem Zeuthener sogar schon Anfragen aus Polen ein, ob man die eine oder andere alte Aufnahme von der Strecke der Görlitzer Eisenbahn in Publikationen veröffentlichen könne. Liedtke freute sich darüber und stimmte stets zu. Als dreist empfindet es der Sammler allerdings, wenn Bilder ohne seine Zustimmung runtergeladen werden und dann noch nicht einmal die Quelle angegeben wird.
Hier beugt er jetzt zunehmend vor, indem er die Postkarten mit einem Wasserzeichen versieht. Schließlich ist dieses Hobby nicht nur kostspielig, sondern kostet obendrein auch noch viel Zeit und Mühe. Liedtke verbringt in seinem Kellerdomizil mindestens zwei bis drei Abende pro Woche.
In den nächsten Monaten könnte der Computer aber ein bisschen ins Hintertreffen geraten. „Dann wird wieder mehr gebastelt“, verrät Liedtke, der seit Jahrzehnten mit dem Eisenbahnvirus infiziert ist. Träumt er doch gemeinsam mit anderen „Eisenbahn-Jungs“ wie Joachim Heinig und Gerhard Ulbrich seit Jahren vom Aufbau eines möglichst originalgetreuen Modells der Zeuthener Bahnanlage von 1936. Dafür allerdings wird noch immer ein mindestens 20 Meter langer Raum gesucht. Die Platten sind angeschafft, die ersten Gleise verlegt. Die Jungs-Träume können wahr werden.
info: www.koenigswusterhausen.de




